Aus der Geschichte Orgeln in der Johanneskirche Weinsberg

(Brief von Gotthilf Kleemann vom 17. 2. 1974, Nachforschungen im Hauptarchiv und Landeskirchlichen Archiv Stuttgart)

...Wann die erste Orgel aufgestellt wurde, vor 1700 oder vor 1600 ist nicht bekannt, auch nicht der Erbauer oder nähere Angaben über sie. Die erste Erwähnung erfolgte 1706, als Rat, Vogt und Bürgermeister über die Anschaffung von Pauken für Kirchenmusik berichten mußten... Beim Sadtbrand von 1707 blieben Kirche und Orgel verschont. Anno 1758 ...teilt die Weinsberger Kirchenpflege dem herzoglichen Kirchenrat mit, daß sie ihre Kirchen- und Schulorgel instand setzen will. Wahrscheinlich zeigte die erstere schon Altersdefekte; die Schulorgel diente hauptsächlich...der Einübung von Chorälen,welche die Lateinschüler...zur Untertützung des Gemeindegesangs zu singen hatten wie auch zur Einübung kirchenmusikalischer Stücke...Jedenfalls hielt das Intrument infolge mehrerer Reparaturen bis 1822 durch. Die letzte Ausbesserung erfolte Juli/August 1800 durch Carl Graf/Mosbach um 411 Gulden 40 Kreuzer, dazu hieß es: „Die Orgel war shon einige Jahre in einem äußerst schlechten Zustand, eine neue würde 2000 bis 3000 Gulden erfordern.“

Um 1821 wurde Eberhardt Friedrich Walcker/Ludwigsburg (1794-1872)...mit dem Bau einer neuen Orgel in Weinsberg bauftragt.Es war eine der ersten (Anm.: op. 2), die ihm anvertraut wurden. Es war ein einfaches ...Werk mit einem Manual, Pedal und 16 Registern. Aus Vaters Taschenkalender 1822/23: „...für Zinnpfeifen kaufte er 366 Pfund Zinn, die auf 207 Gulden 24 Kreuzer kamen.“ Am 16. Dezember 1822 war der Orgelbauer mit dem neuen Instrument auf Fuhrwerken nach Weinsberg gekommen, im Frühjahr 1823 war es gebrauchsfertig aufgerichtet. Auf der oberen Empore vor dem Chor (Anm.: an der Ostwand über dem Triumphbogen!) stand die Orgel wie die Vorgängerin; sie reichte bis zur Decke...Um 1860 erhielt sie Stimmung und Säuberung; anlässlich einer umfassenden Kirchenrenovierung wurde die Orgel (1871) an die Westwand versetzt. Erweiterung und Verbesserung wurden für 1881 in Aussicht genommen, im folgenden Jahr für 3000 Mark umgebaut und bestens instand gesetzt...Die Orgel besitzt nun 2 Manaule mit 24 klingenden Registern, für die 1899 ein Stimmvertrag mit der Fa.Weigle/chtedingen geschlossen wird.

Fortsetzung der Orgelgeschiche aus: Willy Schwarz: Aus der Geschichte einer alten Weinsbergerin

...1871 bin ich auf die Westempore versetzt worden, bekam ein neues Gebläse und 6 neue Register, auch eine zweite Klaviatur (Manual). Mit diesem zweiten Manual habe ich mich nie recht befreunden können. Dieses Gesäusel paßte gar nicht zu meinem hellen Klang. Mein Festregister haben sie mir damals auch umgemodelt, so daß ich damit nimmer jubilieren, sondern nur noch schreien kann. Einen komischen Geschmack hatten die damals. Der neue Platz bei den Fenstern hier oben ist mir nicht gut bekommen. Alle Augenblicke war ich erkältet. Beim Sylvestergottesdienst und am Karfreitag, wenn die Kirche so voll war, bin ich jedesmal ins Schwitzen gekommen, im Frühjahr und Herbst stand ich oft mit nassen Füßen da oben und im Sommer brachte ich kaum einen Ton hervor, so trocken ist mir meine Kehle gewesen...

Gutachten des Kgl. Württ. Hoforgelbaumeisters E. F. Walker vom 24. September 1903: „Die Untersuchung des Pfeifenwerks hat ergeben, daß wie zu vermuten, die alten Holzpfeifen... vielfach verwurmt, verklebt, vernagelt und selbst mit Draht umbunden sind. Die Mechanik ist so schwerfällig und klappert derart, daß kaum mehr anständig zu spielen ist...

Aus einem Brief des Organisten vom 23. September 1911.

..Euer Hochwürden haben sich am letzten Sonntag bei einem nochmaligen Versuch überzeugt, daß die Orgel nicht allein im Gebläse, sondern auch in der Mechanik durch die Hitze so schwer gelitten hat, daß ihre Verwendung einer Störung. des Gottesdienstes gleichkommt... Ich bin genötigt, nunmehr das Harmonium zu benützen, bis der Orgelbauer Abhilfe geschaffen hat. Böhringer.

Aus einem Bericht vom 12. Januar 1912:

. ... Nur das II. Manual, das Manual, das in den achtziger Jahren neu eingesetzt wurde, ... ist noch in verhältnismäßig ordentlichem Zustand. Doch leidet dessen Klangwirkung sehr unter seiner ungünstigen Lage.... Bei dieser ausgeleierten Mechanik können nun natürlich keinerlei Ansprüche auf eine halbwegs ordentliche Funktion gemacht werden... Die starke Einwirkung der übernatürlichen Hitze des ver­gangenen Jahres hat nun ihr Übriges getan, um der an und für sich schon halb unbrauchbaren Orgel noch den letzten Treff zu geben... Das Beste an Ihrer Orgelangelegenheit wäre ja allerdings eine sofortige Neuanfertigung des 1. Manuals, des Pedals und ein Umbau des II. Manuals samt hiebei nötiger Anfertigung eines neuen Spieltisches."

Gutachten von Kirchenmusikdirektor Prof. A. Schäffer, Heil­bronn, 22. Mai 1930.

...Die Intonation der einzelnen Stimmen ist meist sehr charakteristisch und gut getroffen, besonders gut diejenige der Holzbläser und Prinzipale. Diese Register stammen wohl noch aus dem ur­sprünglichen Werk, das vermutlich vor 100 Jahren erbaut wurde...die ganze Anlage zeigt bedenkliche Mängel. Die Pfeifen auf den Windladen stehen ohne Stützen zu eng aufeinander, die Stimmgänge fehlen, so daß der Stimmer nur mit Mühe zu den Pfeifen gelangen kann. Mancher Anstand bleibt nur aus diesem Grunde dauernd unbehoben.

Gutachten des zuständigen Orgelpflegers, Herrn Kirchenmusik­direktor W. Lutz, Stuttgart 1954

„Allgemeiner Zustand: schlecht, Stimmung: ordentlich, Abnützung: stark, Verschmutzung: stark,

Holzwurm: stark, Motor in Ordnung. Instandsetzung der Orgel dringend nötig! “

Verhandlungsbuch des Kirchengemeinderats. 8.Sept.1954.

Der KGR beschließt, die Orgelbaufirma Weigle mit der gründlichen Unter­suchung und Aufstellung eines Kostenvoranschlags zwecks Erneuerung der Orgel zu beauftragen.

Aus dem Gutachten der Fa. Weigle vom 28. Okt. 1954:

... Dies würde praktisch auf eine neue Orgel unter Belassung des Gehäuses und Prospekts und möglichst weitgehender Wiederverwendung des noch brauchbaren Pfeifenmaterials hinauskommen. Durch Belassung... einer gan­zen Anzahl der alten Register wäre auch dem denkmalpflegerischen Stand­punkt Rechnung getragen.

.... Wir haben nun überschlägig errechnet, daß eine 2-manualige auf ca. DM 21 500 und eine 3-manualige auf ca. DM 23000 kommen würde. Die Preisermäßigungen durch die Wiederverwendung und Umarbeitung des vorhande­nen Materials sind dabei nicht berücksichtigt.

Niederschrift einer Besprechung zwischen Orgelpfleger, Orgel­bauer und Dekanat vom 2.11.1954.

Der Vorschlag, Windladen, Traktur und Spieltisch neu zu bauen und nur die Pfeifen wieder zu verwenden, wird als richtig bestätigt.... Dringend empfohlen wird, die 14 Register des Hauptwerkes (II. Manual: 6) auf zwei Windladen zu verteilen, sodaß die Orgel insgesamt 3 Manuale und Pedal erhalten würde. Die klanglichen und musikalischen Vorteile stehen in keinem Verhältnis zu den Mehrkosten.

8. Dezember 1954. Der KGR beschließt, die Fa. Weigle mit der Orgelerneuerung im Jahre 1955 zu beauftragen.

9.12. 1956 Einweihung der neuen 3-manualigen Weigle-Orgel

1980 Ausreingung durch Fa Bertfried Scharfe. Austausch des Pommer 8' im Rückpositiv durch neues (Metall-)Gedeckt 8'. Erweiterung der Schwellwerkslade durch Oboe 8' (franz. Bauart)

Januar 2005 Abbau der Orgel durch Mitarbeiter der Fa Mühleisen

13. November 2005 Einweihung der Mühleisen-Orgel durch KMD Gerhard Frisch mit Gottesdienst und Orgelkonzert